ARCHIV
 

ANDREA ZITTEL − INNER SPACE


19. NOVEMBER 1999 BIS 27.2.2000



Ließen sich unsere Lebensumstände verbessern? Könnten wir nicht auf vieles, was uns in Alltag, Beruf und Freizeit umgibt verzichten und dafür anderes verändern? Nach welchen Kriterien entscheiden wir überhaupt, welche Umgebung für uns die richtige ist und wodurch sich unser Alltag formiert? Wie gestaltet sich das private gegenüber dem öffentlichen Leben, wo ist Freiheit, wo ist Zwang?

Die amerikanische Künstlerin Andrea Zittel (*1965) geht genau diesen Fragestellungen nach: ihre Objekte sind sowohl als Kunst oder Utopie wie auch als Gebrauchsgegenstände zu verstehen. Sie konstruiert Lebensräume, in denen sie von der Kleidung bis zur Architektur die Umwelt für die jeweiligen Anforderungen gestaltet. Automatisch stößt der Betrachter hier auf Fragen nach der eigenen oder anderen Lebensform und den damit verbundenen Bedürfnissen und Wünschen. Neben der praktischen Verwendbarkeit ist der modellhafte und skulpturale Charakter ihrer Werke prägnant.

In den Deichtorhallen Hamburg werden ihre Arbeiten thematisch innerhalb einzelner von der Künstlerin eingerichteter Räume zu sehen sein. Der erste Raum stellt die Arbeiten A-Z Management and Maintentance Unit sowie zwei A-Z Living Units vor. Die A-Z Living Units bestehen je aus Bett, Tisch und Kochzeile, die nach einem flexiblen System an jedem Ort aufgestellt werden können. Die ersten Units sind aus der beengten Lebensweise Andrea Zittels in ihrer ersten New Yorker Wohnung entstanden. Andrea Zittel: "Mit dem Living Unit wollte ich die Einschränkungen in meinem Leben so umgestalten, dass sie zum Luxus wurden. Kriterien wie Platzmangel und große Unordnung in meiner Umgebung wurden durch das Living Unit in Eleganz und Sicherheit verwandelt". Der zweite Raum stellt die A-Z Uniforms sowie ein Comfort Unit aus, eine Weiterentwicklung der Living Units. Die Uniforms sind kittelartige Kleidungsstücke, deren Form und Funktion in puristischer Anmutung auf das Zweckmäßige reduziert sind. Bequemere und stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Besitzer/Benutzer eingehende Einheiten stellen die Comfort Units dar. Hier steht oft das Bett als neuer sozialer Mittelpunkt, dessen Funktion über das Schlafen hinausgeht, im Vordergrund. An diesen Units ist es möglich, Service Units zum Schreiben, Essen oder Fernsehen anzuschließen.

Das Motiv der Mobilität bildet einen weiteren Schwerpunkt in Andrea Zittels Arbeiten. Die A-Z Yard Yachts sind 24-Fuß-lange Trailer, die das Bedürfnis nach einer sicheren, intimen Umgebung mit der Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Freiheit verbinden. Auch diese Wohnwagen sind nach den individuellen Vorstellungen der "Besteller" ausgestattet.

Weiterhin werden kleinere Arbeiten zu sehen sein, die sich auf einzelne Bereiche des Lebens konzentrieren. So wird u. a. der A-Z Dishless Dining Table für die Deichtorhallen-Ausstellung neu angefertigt. Dieser abwaschbare Tisch hat anstelle von Tellern kleine Mulden, aus denen das Essen direkt vom Tisch gegessen werden kann. In diesen Bereich gehören auch die Arbeiten A-Z Pit Bed, Cleaning Chamber und Carpet Furniture: Bed and Dining Table, um nur einige zu nennen.

Zu den neuesten Arbeiten aus der Raugh-Linie gehören benutzerfreundliche Inneneinrichtungen aus grauem Schaumstoff, die auf den ersten Blick wie große Felslandschaften wirken. Sie bieten Möglichkeiten "to make something out of nothing" wie es in einem begleitenden Video heißt. In der für sie typischen, aus der Werbung entliehenen Sprache erläutert Andrea Zittel Raugh als absolut bequem ("absolutely comfortable"), es nimmt den Schmutz eher auf, als das er ihn zeigt ("absorbs dirt rather than reveals it") und es zerfällt wunderschön ("deteriorates beautifully"). Dies bezieht sich auch auf die Textilien aus dieser Serie, die Raugh Garments. Rechteckige Stoffbahnen können innerhalb weniger Minuten von den Benutzern zu verschiedenen Kleidungsstücken mit immer neuen Funktionen verwandelt werden.

Um den sich aus den ersten Living Units entwickelnden Langzeitprojekten einen organisatorischen Rahmen und ein (selbstreferentielles) Logo zu geben, gründete Andrea Zittel Anfang der neunziger Jahre die A-Z Administrative Services. Darin wird ihr Interesse an einem ganzheitlichen gestalterischen Konzept deutlich. Der mitklingende institutionelle Charakter ist jedoch fiktiv, da es sich bis heute um das Einpersonenunternehmen A-Z von Andrea Zittel handelt. Ähnlich wie in einem kommerziellen Unternehmen (etwa einer Möbelfirma) werden die Arbeiten Zittels von Broschüren, Videos und anderen "Werbeträgern" begleitet, in denen die Vorzüge und Verwendungsmöglichkeiten der Werke vorgestellt werden.

Andrea Zittel will mit ihren Arbeiten ihrer Umwelt weniger fertige Konzepte präsentieren, als vielmehr dem Betrachter/Nutzer ermöglichen, selbst Experte zu werden, eigene Erfahrungen zu sammeln und die Welt auf individuelle Weise zu verstehen. Ähnliche Motivationen, wie sie den Konzepten der Moderne eines Adolf Loos oder des Bauhaus zugrunde liegen, finden sich in ihren Arbeiten. Trotz des Wissens um das Scheitern der Moderne sind wir, was die Wünsche und Hoffnungen des Alltagslebens anbelangt, "nach wie vor beherrscht von einem fast abergläubischen Beharren auf der Unausweichlichkeit der »linearen Evolution«, der Möglichkeit, unser Leben ständig umzugestalten...", wie Andrea Zittel erläutert.

Parallel zur Präsentation von Andrea Zittel werden zwei weitere Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlerinnen in der Nordhalle der Deichtorhallen zu sehen sein. Bei der Übersicht über das Werk der Fotografin Inez van Lamsweerde (*1963) werden neben den bekannten Werken, z. B. aus der Reihe "Final Fantasy", vor allem die neuesten Fotografien der Serie "Me" im Vordergrund der Ausstellung stehen. Aus dem konzeptorientierten Werk der Hamburger Künstlerin Hanne Darboven (*1941) wird die 270 Teile umfassende bisher noch nie gezeigte Werkgruppe "Hommage à Picasso" vorgestellt, in der sie sich mit der Picasso-Rolle in der Kunst des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt.

Diese, wie auch schon vorhergehende Einzelausstellungen mit Künstlerinnen (Annie Leibovitz, Elaine Sturtevant, Cindy Sherman, Louise Bourgeois, Tina Modotti) in den Deichtorhallen, sollen nicht zuletzt auf den zunehmenden Stellenwert von Frauen in der zeitgenössischen Kunst am Ende des Milleniums hinweisen.

Ergänzt werden diese Ausstellungen durch das spektakuläre Projekt des amerikanischen Künstlers Jason Rhoades (*1965) in der südlichen Deichtorhalle (29.10.1999 - 23.1.2000).