ARCHIV
 

MARTIN KIPPENBERGER
SELBSTBILDNISSE. THE HAPPY END OF FRANZ KAFKA’S ‚AMERIKA’. SOZIALKISTENTRANSPORT, LATERNEN, ETC.


12. FEBRUAR BIS 25. APRIL 1999



Martin Kippenberger (1953-1997) nimmt innerhalb des Kunstgeschehens der letzten 20 Jahre zweifellos eine einzigartige, unverwechselbare Stellung ein. Mit seinem frühen Tod endete eine kaum überschaubare Produktion von Bildern, Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Fotos, Publikationen und anderen Artefakten, über deren Sinn und Bedeutung die Meinungen nach wie vor weit auseinander gehen. Bei einem Teil jüngerer Künstler, Kritiker und Sammler gilt Kippenberger als eine der entscheidenden Figuren der 90er Jahre. in den Sammlungen der deutschen Museen dagegen ist sein Werk eher spärlich vertreten. Kippenbergers Ironie, die oft als Zynismus missverstanden wird, seine Neigung zur Dekonstruktion der Bildformen und -stile, wie auch das bewusste Beharren auf der Rückkoppelung des Kunstproduktes mit seinem sozialen Umfeld machen die Rezeption seiner Arbeit nicht gerade leicht.

Mit der ersten umfangreichen, postumen Ausstellung in Deutschland beabsichtigen die Deichtorhallen, dem offensichtlich wachsenden Interesse am Werk Martin Kippenbergers entgegenzukommen. Dabei wird bewusst an die früheren „Gastspiele" des Künstlers in den Schauen ,,Post Human" (1993), „remporary translation(s)" (1994-95) und „Home Sweet Home" (1997) angeknüpft, zu denen er wichtige Beiträge geliefert hat.

Im Zentrum der jetzigen Hamburger Ausstellung stehen die beiden umfangreichen Werkgruppen „Selbstbildnisse" (1981-96) und „The Happy End of Franz Kafka's /Amerika"/(1994), von weiteren thematischen Ensembles und Einzelwerken mit autobiographischen Bezügen ergänzt, in denen sich gleichsam die verschiedenen, teils kontroversen Strategien des Künstlers widerspiegeln: „Heavy Burschi" (1989-90), Laternen (1990-91), Fotografien (1983-86), Hotelzeichnungen (1986-96), „Sozialkistentransport" (1989) etc. In der geräumigen Nordhalle erhält die Ausstellung einen adäquaten Platz, wobei dem in Deutschland bisher noch nie gezeigten Werkkomplex zum Thema des Romans von Franz Kafka die Rolle eines Scharniers zukommt. Da es sich um eine szenische Darstellung eines massenhaften „Einstellungsgesprächs" handelt, das sich bei Kippenberger, im Unterschied zu Kafkas Riesentheater in Oklahoma, auf einem „Sportplatz" ereignet, erfährt die Industriearchitektur der nördlichen Deichtorhalle nahezu „symbolhafte" Erhöhung: Sie wird zur perfekten Kulisse der gedachten Inszenierung.

Mit der Präsentation in Hamburg kehrt Martin Kippenberger gewissermaßen zu den Anfängen seiner Karriere als Künstler zurück. 1953 in Dortmund geboren und in Essen aufgewachsen, kam er 1971 nach Hamburg, wo er 1972-76 an der Hochschule für Bildende Künste mehrere Semester absolvierte. Hier lernte er auch seine künftigen Künstlerkollegen Werner Büttner und Albert Oehlen kennen, mit denen er in Hamburg und später in Berlin den „harten Kern" einer provokanten, medienwirksamen Gruppenstrategie entwickelte. Mit dem Beginn der „wilden Malerei" um 1981 wurde Kippenberger zu einem der Initiatoren des neuen bildhaften Ikonoklasmus. Seine Ironie und die Neigung zur permanenten Destruktion von einmal festgelegten inhaltlichen und stilistischen Positionen setzte er ein, um den naiven Glauben mancher Zeitgenossen an die Kraft einer spontanen malerischen Aktion zu konterkarieren.

Ähnlich wie sein Vorbild Francis Picabia nimmt auch Kippenberger „unakzeptable" Themen, die sich an der Banalität des Lebens, der Politik, Medien und Werbung entzünden, bewusst in sein Repertoire auf. Die programmatische „Stillosigkeit" seiner Arbeiten hängt von den verschiedenen Kontexten ab, die er in seine Kunst einführt. Für Kippenberger gibt es kein Thema, aus dem sich nicht Kunst machen ließe. Gleichsam gibt es aber keine Kunst, die ohne Kontext einen Sinn stiften könnte. Gerade darin, wie auch in der Bereitschaft, Fehler und Korrektur als Instrumente einzubeziehen und die Klischees, auch in der eigenen Arbeit, ständig zu überprüfen, ist Kippenbergers Werk für die Kunst der 90er Jahre beispielhaft geworden.

Die Hamburger Präsentation beinhaltet 50 Selbstbildnisse, 108 Hotelzeichnungen, 43 Fotoarbeiten, 13 Laternen und Bronzen, 35 sonstige Gemälde, 1 Großinstallation, 1 Container, 1 Gondel, 7 Skulpturen sowie 15 weitere Einzelwerke von Kippenberger.

Der Ausstellungsteil „Selbstbildnisse" kommt in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Basel zustande.


Es erscheinen zwei Kataloge:


Selbstbildnisse (mit einer Einführung von Peter Pakesch und Zdenek Felix und Texten von Daniel Baumann, Franz West, Stephen Prina, Peter Pakesch und Michael Würthle), Hrsg. von der Kunsthalle Basel. Preis DM 29,-.

The Happy End of Franz Kafka's Amerika (mit einer Einführung von Zdenek Felix und Texten von Veit Loers und Rudolf Schmitz), Hrsg. von den Deichtorhallen Hamburg. Preis ca. DM 35,-.