ARCHIV
 

FRANCIS PICABIA −
DAS SPÄTWERK 1933 – 1953


31. OKTOBER 1997 BIS 1. FEBRUAR 1998


In der Ausstellungsreihe zum Thema des Spätwerks maßgebender Künstler und Künstlerinnen widmen die Deichtorhallen nach der Ausstellung des Spaniers Joan Miro („Zeichnungen und Skulpturen 1945 -1983") nun dem späten Werk des französischen Malers, Dichters und Schriftstellers Francis Picabia (1879-1953) eine umfangreiche Schau.
Neben Marcel Duchamp zählt Picabia zu den einflussreichsten aber auch rätselhaftesten Gestalten seiner Zeit. Als Sohn eines Spaniers und einer Französin aus gutbürgerlichem Hause in Paris geboren, findet er sehr früh den Weg zur Malerei. Von Camille Pissarro beeinflusst, malt er nach 1902 impressionistische Landschaften, die ihn schnell bekannt machen. Die Begegnung mit Marcel Duchamp 1910 führt zur Neuorientierung. Picabia durchläuft den Fauvismus und Kubismus und malt bereits 1913 seine ersten abstrakten Bilder. Im gleichen Jahr reist er zur Eröffnung der internationalen Kunstausstellung „Armory Show" nach New York, wo er bald im Mittelpunkt der avantgardistischen Kreise um den Fotografen Alfred Stieglitz steht. Kurz darauf entstehen die ersten „mechanischen" Bilder, schematische Darstellungen von Maschinen mit anthropomorphen und erotischen Bedeutungen.

Parallel dazu malt Picabia auch figürliche Arbeiten, meist mit dem Thema der Spanierinnen in Mantillas. Diese für das Publikum und die zeitgenössische Kritik verwirrenden „Stilbrüche" und Gegensätze bleiben für die weitere Entwicklung des Werkes von Picabia charakteristisch. Seit 1925 entstehen die „Monsterbilder" – intensiv farbige Darstellungen von verzerrten, karikierten Figuren mit spitzen Nasen und drei- bis vierfachen Augen. Ab 1927 folgen die „Transparenzen" mit mehrschichtigen, übereinandergelagerten Motiven aus der klassischen Kunstgeschichte. Eine weitere Wende, diesmal hin zu einer teilweise drastischen Realistik erfolgt 1933. Picabia malt Porträts von Suzy Solidor, einer bekannten Sängerin, und jenes von Olga Möhler, seiner neuen Lebensgefährtin in einem kontrastreichen „harten" Stil, der auf die Zeitgenossen nur als eine „anti-modernistische" Attitüde wirken konnte. In diese Zeit fällt auch der Beginn des späten Werkes von Picabia, dem die Hamburger Ausstellung gewidmet ist.

Zu Beginn der 40er Jahre kommt es bei Picabia, der im Süden Frankreichs lebt, zum erneuten Bruch. Es entsteht eine Reihe von veristischen Figurationen, die meisten davon Frauenakte, gemalt nach schwarz-weißen Vorlagen aus erotischen Zeitschriften wie „Paris Magazine" oder „Mon Paris". Neben dem erotischen, ja voyeuristischen Aspekt dieser Bilder, lassen sich aus heutiger Sicht andere Bedeutungsschichten entdecken, die Picabias „Nues" („Nackte") interessant machen. Bezeichnend ist zunächst der malerische Vorgang, bei dem eine schwarz-weiße Fotografie zum farbigen Bild umgesetzt wird. Was diese, bis vor kurzem eher als Kuriositäten angesehenen Bilder für den heutigen Betrachter interessant macht, ist aber nicht so sehr der malerische Vorgang an sich, sondern der Kontext, in dem die „Akte" erscheinen. Wie die Entwicklung der Kunst in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt hat, gewinnen nicht nur jene künstlerischen Strategien an Bedeutung, die sich mit der Übertragung von populären Bildern in den Kunstbereich beschäftigen, sondern auch solche, die im „Recycling-Verfahren" derartige Bilder wieder in Umlauf setzen. Picabia darf auch hier zu den Pionieren gezählt werden.

Nach dem Krieg wechselt nochmals der Stil der Bilder Picabias. Unter dem Einfluss der Situation in Paris nach 1945 wendet er sich erneut der Abstraktion zu. Dabei kann er aus dem Fundus seiner frühen Werke aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg schöpfen. Seine abstrakten Kompositionen leben von der Begegnung von biomorphen und anthropomorphen Elementen, sie beinhalten sexuelle Symbole, ohne narrativ zu sein, und offenbaren die vom Künstler am Ende seiner Karriere intensiv empfundene Dialektik von Leben und Tod, eine Dialektik, der man ebenfalls im Spätwerk von Picasso und Miro begegnet.

Die Schau wird anschließend vom 28. Februar bis 1. Juni 1998 im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam gezeigt.


Eine umfangreiche Publikation mit Texten von Zdenek Felix, Roberto Ohrt, Sara Cochran und Arnauld Pierre (160 Seiten, ca. 90 Farbabbildungen, 20 schwarz-weißen Bildern, einer Biographie und Bibliographie) erscheint im Hatje Verlag, Stuttgart. Preis DM 39,80.