ARCHIV
 

JOAN MIRÓ
ZEICHNUNGEN UND SKULPTUREN 1945 − 1983. WERKE AUS DER FUNDACIÓ JOAN MIRÓ, BARCELONA

 

27. SEPTEMBER 1996 BIS 5. JANUAR 1997

 

Das umfangreiche Werk des Katalanen Joan Miró (1893-1983) nimmt seit langem einen festen Platz innerhalb der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ein. Bilder, Zeichnungen und Graphiken dieses universellen Künstlers, der als Privatmann eher ein unscheinbares, bürgerliches Leben führte und die große Öffentlichkeit mied, sind inzwischen, vor allem als Plakate, Reproduktionen und Postkarten, zum Bestandteil eines weltumspannenden Reservoirs von populären Zeichen und Images geworden. Ungeachtet des hohen Bekanntheitsgrades mancher Bildmotive von Miró erscheint die Befragung seiner Werke indessen aus verschiedenen Gründen mehr als sinnvoll. Zum einen als Korrektur zu dem von den Medien und der Reproindustrie vermittelten, oft oberflächlichen Bild. Zum anderen, weil das Kennenlernen unterschiedlicher Techniken und Verfahren, deren sich Miró bediente, erst beim Betrachten des Originals zum tieferen Verständnis des einzelnen Werkes und dessen Entstehungsgeschichte führen kann. Und, nicht zuletzt, weil Mirós einzigartiges, poetisch-rätselhaftes Oeuvre sich nach wie vor wie ein lebendiger Organismus verhält und immer aufs Neue zur Auseinandersetzung herausfordert.

Die Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen wählt als Segment aus dem kaum überschaubaren Werk des Katalanen die Zeitspanne 1945-1983. Sie setzt sich zum Ziel, zwei unterschiedliche Aspekte aus dieser späten Schaffensperiode miteinander zu konfrontieren: Arbeiten auf Papier und Skulpturen. Neben Ölmalerei, Keramik und Tapisserie, wenn man von den zahlreichen Entwürfen für Plakate und Bücher absieht, waren es gerade diese beiden Bereiche, die Miro nach 1945 am meisten beschäftigten.

Bei der Skulptur, besonders bei den Bronzen, ist die Zeit der 60er und 70er Jahre im Oeuvre von Miró jene Periode, in der die meisten seiner plastischen Objekte entstehen. Der zeitliche Ausgangspunkt der Ausstellung, das Kriegsende, bildet zwar im Werk von Miró keine absolute Grenze, bedeutet aber den Beginn eines neuen Lebensabschnittes und zugleich den Auftakt einer neuen Werkphase. Nach Jahren der Isolation war es für Miró 1945-47 möglich, erneut Kontakte nach Paris und New York zu knüpfen; die erste Amerikareise 1947 brachte dem Künstler nicht nur Anerkennung und Aufträge, sondern konfrontierte ihn mit der Situation der Gegenwartskunst in New York und machte amerikanische Künstler auf seine Arbeit aufmerksam.

Mirós Werk aus der Zeit nach 1945 ist aber auch deshalb interessant, weil es dem Künstler in den drei nachfolgenden Jahrzehnten gelang, eine Synthese von verschiedenen Stilelementen zu verwirklichen, die zum Entstehen seiner charakteristischen Zeichen- und Formsprache führte. Neben surrealistischen Elementen aus der Vorkriegszeit finden nach 1945 immer mehr abstrakte Formen Eingang in die Bilder von Miró. Archaische Symbole mischen sich mit spontaner, automatischer Pinselschrift zu poetisch-bildhaften Emblemen. Anregung schöpft das Spätwerk von Miró weiterhin aus der traditionellen Volkskunst, zumal die an keramischer Produktion reiche Insel Mallorca in den 50er Jahren Hauptsitz des Künstlers wird. Ein waches Interesse für die Entwicklungen innerhalb der europäischen und amerikanischen Kunst erlaubt es Miró, auf die neuen Impulse zu reagieren und die Eindrücke im eigenen Werk zu verarbeiten.

Mirós synkretistischem Vorgang widerspricht keineswegs die betonte, in zahlreichen Experimenten bewiesene Suche nach dem Neuen, der sich seine Kunst so bedingungslos verschreibt. Das Streben nach der Innovation, der Glaube an den Fortschritt der Kunst und die damit zusammenhängende optimistische Grundhaltung, die sich besonders in der Ausführung öffentlicher Aufträge äußert, bilden aber nur die eine Seite der Miróschen Bildwelt. Die andere Seite, und da zeigt sich die tiefe Verwurzelung in der Tradition, verrät, mit welcher Beharrlichkeit Miró bestimmte Themenkreise verfolgte, um sie in seine Kunst als Konstanten zu integrieren. Hier stellt und beantwortet Miró für sich die Sinnfrage, indem er die Grundthemen wie Leben und Tod, Beginn und Ende, Geburt und Sexualität sowie das Verhältnis des Menschen zum Kosmos ins Zentrum seiner Arbeit rückt.

Die Auswahl von 78 Arbeiten auf Papier sowie 70 Bronzen, die von der Fundació Miró für Hamburg zur Verfügung gestellt wurden, belegt die Entwicklung des späten Werkes von Miró und weist zugleich auf die Vielfalt der von ihm angewendeten Stilformen hin.

Es erscheint eine Publikation im Hatje-Verlag, Stuttgart mit Texten von Zdenek Felix, Hubertus Gaßner, Doris von Drathen und William Jeffett, zum Preis von DM 39,-.