ARCHIV
 

GERHARD MERZ – ARCHIPITTURA

5. JUNI BIS 26. JULI 1992


Die derzeitige Ausstellung in Hamburger zeigt in Zusammenarbeit mit der Hamburger Kunsthalle eine der bisher umfangreichsten Gesamtkonzeptionen des Künstlers Gerhard Merz. Merz ist 1947 bei München geboren, lebt und arbeitet seit 1989 in Köln, lehrt an der Akademie für bildende Künste in Düsseldorf und hat sich seit Jahren mit seinem künstlerischen Konzept des radikalen Eintretens für die Zielsetzungen der klassischen Moderne internationale Geltung verschafft.

Merz vollendet einen alten Traum der Moderne – die Aufhebung der Vereinzelung des Tafelbildes zugunsten seiner Einbindung in ein sinnstiftendes architektonisches Gefüge.
Von zentraler Bedeutung ist für Gerhard Merz der vom italienischen Rationalismus der 30er Jahre geprägte Begriff "Archipittura", der eine Vereinigung der beiden Kunstformen Malerei und Architektur zu einem ästhetischen Gesamtentwurf beinhaltet.
"Archipittura" lautet der Titel der Ausstellung, und wie ein Manifest empfängt er den Besucher an der Stirnwand der Ausstellungsräume – gesetzt in der Typographie Futura, der Merz auf die klassische Bauhaustradition hinweist.

Der Künstler nutzt das Prinzip der Symmetrie, das die Ausstellungsräume aufweisen für die Anordnung seiner Setzungen. Auf der Mittelachse der Raumfolge stehend fällt der Blick des Betrachters auf das Herzstück der Ausstellung – die quergelagerte 19 x 10 x 4 Meter große Architekturskulptur mit dem Titel: "Macht die Luft vor Klarheit erzittern". Beim Zuschreiten auf diesen Pavillon schaut man links und rechts auf zwei sich jeweils gegenüberliegende Raumpaare, die in ihrer Ausgestaltung nahezu klappsymmetrisch sind. Im ersten Raumpaar entfaltet Merz sein künstlerisches Bekenntnis: Auf einer mit schiefergrauem Pigment ausgeführten Wandmalerei findet sich die gedoppelte Reißschiene des Architekten aufgerichtet mit dem Schriftzug " Ed io anche pittore" (links) sowie "Ed io anche architetto" (rechts).

In der "Italianità" – einem Charakteristikum Merz'schen Arbeitens formuliert, lauten diese beiden Schriftzüge in der Übersetzung "Auch ich bin Maler" und " Auch ich bin Architekt". Hier spricht Merz mit den Worten des französischen Revolutionsarchitekten des ausgehenden 18. Jahrhunderts Boullée, übrigens der Hauptfigur des bekannten Films von Peter Greenaway "Der Bauch des Architekten".
Dieser verstand seine visionären Architekturen für die Ideale der Aufklärung und die Herrschaft der Vernunft sowohl als Architekturentwürfe und zugleich als malerische Prospekte. Damit spielte er einerseits an auf die ästhetische Utopie einer Verschmelzung der beiden Künste Architektur und Malerei, andererseits auf die Könnerschaft des Künstlers in beiden Disziplinen.

Die folgenden beiden Räume zeigen eine Wandmalerei aus den beiden Pigmenten Diamantschwarz (obere Raumhälfte) und Bleimennige (untere Raumhälfte). Der scharfe Kontrast, der die Brillanz der Pigmente gegeneinandersetzt, zeigt das souveräne Spiel des Malers mit den Farben, die es ihm ermöglichen, in die Wirkung der Architektur einzugreifen. In der Mitte der Außenwände befinden sich zwei gegenüberliegende Bilder aus sandgestrahltem Kristallglas in kubischen verchromten Edelstahlhaltern als Vorboten für die raumbeherrschende Architekturskulptur im Zentrum der Halle.
Der auf ein Stahlskelett gebaute Pavillon trägt auf einem 1,30m hohen Podest eine Konstruktion, in die sieben quadratische, sandgestrahlte Kristallglasscheiben von 2 m Seitenlänge in verchromte Stahlrahmen eingelassen sind. Der Pavillon ist mit einer Schicht aus Gips überzogen und trägt an beiden Längswänden des Podestes Inschriften aus erhabenen Gipsbuchstaben, die den Vers des italienischen Renaissancedichters Calvacanti zitieren, den Merz als sein künstlerisches Credo versteht: "Macht die Luft vor Klarheit erzittern".

In der Klarheit und Ökonomie der Ausführung, sowie den edlen Materialien ruft diese Architekturskulptur die Ausstrahlung des berühmten Barcelona-Pavillons wach, der auf der Weltausstellung in Barcelona 1929 einen glanzvollen Höhepunkt der Architektur Mies van der Rohes darstellte. Der Pavillon ist von einer luftblauen Wandmalerei im Raum gehalten – ähnlich präsentierten die italienischen Rationalisten ihre architektonischen Entwürfe. Der folgende Raum, der den Abschluss bildet, wird beherrscht von der Malerei. Sechs wiederum symmetrisch plazierte Monochromien mit mehreren Schichten in leichtem malerischen Duktus aufgetragen weisen uns auf die natürliche Schönheit des Materials. Eine Auswahl von Architekturfotografien der 20er Jahre begleitet die Schau, wodurch ein inhaltlicher Zusammenhang mit der Gesamtkonzeption hergestellt ist.

Katalog:

Gerhard Merz - Archipittura, Zweibändiger Katalog, Hg.: Hamburger Kunsthalle und Deichtorhallen Hamburg, Texte von Tilman Buddensieg, Zdenek Felix, Uwe M. Schneede, Beat Wyss u.a., Hamburg 1992, 147 S., 49 farbige und 123 s/w Abb.