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AUSGEBÜRGERT

18. JANUAR 1990 BIS 3. MÄRZ 1991


Als eine "chronique scandaleuse" der Kulturpolitik der ehemaligen DDR versteht Dr. Werner Schmidt die Ausstellung und den sie dokumentierenden Katalog. Im Monat nach der Maueröffnung entstand das Konzept, den Bürgern der DDR die Breite des Spektrums dessen vor Augen zu stellen, was für die künstlerische Identität der DDR, oft durch zwangsweise Aussonderung, verloren gegangen ist. Mit wenig Geld und in kurzer Zeit kam ein Überblick zustande, anfänglich noch skeptisch beäugt durch den Künstlerverband der DDR, dennoch aber, wie Schmidt anmerkt, "schnell und zügig, nicht unsolide".

 Natürlich ist die Themenwahl der Ausstellung, die dann knapp ein Jahr später, wenige Tage nach der deutschen Vereinigung eröffnet wurde, auch von "der Anwehung durch den vorüberstreifenden Mantel der Geschichte" inspiriert. Sie findet aber ihre besondere Basis und Legitimation im langjährigen Bemühen des Dresdener Kupferstich-Kabinetts, die Werke der Künstler, die ihr Land freiwillig oder unfreiwillig verließen, quasi partisanenmäßig zu sammeln und zu dokumentieren.

 Dr. Schmidt und seine Dresdener Kustoden bezeichnen die Ausstellung als "fragmentarisch". Dieses Fragmentarische, das die besonderen historischen Bedingungen der Realisation widerspiegelt, macht das Projekt zum authentischen unwiederholbaren Ausdruck der Aufbruchstimmung an der Durchdringungslinie zweier Epochen in Deutschland mit all ihren zwiespältigen Implikationen: Eine Station der Moderne – die Dialektik von Opposition und Opportunismus berührend.

"Ausgebürgert" in Hamburg ist folgerichtig die Ausstellung einer Ausstellung. Zwar steht auch hier im Zentrum die Begegnung des Werkes und des Menschen, darüber hinaus aber soll ihre Bedeutung als kulturhistorisches Dokument fokussiert werden.

Katalog:

Ausgebürgert, Künstler aus der DDR, 1949 - 1989, Hg.: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Texte von Werner Schmidt, Briefe und Aufsätze versch. Autoren, Berlin 1990, 205 S., 24 farbige und 138 s/w Abb.